11.09.2013

Clevere Strategien bei der Personalsuche - Grünheider Handwerksbetrieb macht's vor!


Meist sind es die Medien- und Marketing-Branche o. ä., die uns die neuen Trends in der Such-und-Find-Welt online sowie offline zeigen. Glamour, Trends, In- und Out-Listen bestimmen üblicherweise das, was wir für richtig und zeitgemäß halten. Zeitgemäß scheint schon mal die Sicht zu sein, dass es Unternehmen jeglicher Branchen immer schwerer haben, geeignetes Personal zur Besetzung ihrer Vakanzen zu finden. Posts, wie diesen hier, finden sich tausendfach im world wide web, offline titeln es nicht nur Fach- sondern mittlerweile alle Publikums- und auch die 'Ohne-Publikum-Zeitschriften' sowie diverse, in Art und Güte nicht extra betitelte Blätter:

Mau sieht's aus, mit jungen und dynamischen Mitarbeitern, 
die bereit sind ihre Seele an den künftigen Chef zu verkaufen. 

Aber auch wenn man einen fairen Deal als Arbeitgeber anstrebt, findet sich nicht in jeder Region gleich die willige Fachkraft - ob man's glaubt oder nicht: Das ist nicht nur bei den Ingenieuren und den IT-Fachkräften so. Der Fachkräftemangel wird langsam zu einem flächendeckenden Kräftemangel, zumindest in einigen, meist etwas dünner besiedelten Gebieten.

Ideenreichtum ist also nun erstmal dem Unternehmer abverlangt, der auf sich aufmerksam zu machen versucht, bevor der Herr Bewerber - so hieß es damals vor gar nicht langer Zeit - zeigen solle, dass er der am besten geeignete Bewerber für die betreffende Position sei. Mittlerweile buhlen die Unternehmen um den potenten Nachwuchs, wie hier aus der Regionalpresse hervorgeht. Aber wie soll sich das ein Handwerksbetrieb leisten können, den Inhaber oder einen Meister mit geschultem Blick zu solch für die Branche eher unüblichen Veranstaltungen zu entsenden?! In der Dienstleistungsbranche weitgehend vorstellbar, liest sich - sind wir mal ehrlich - die Kombination Handwerk und Jobmesse schon scheiße! Alternativen bieten hierbei pfiffige Handwerksbetriebe bspw. im Landkreis Oder-Spree, wie ich feststellen musste. 

Der Dachdeckermeister Raik Gronau aus Grünheide (Mark) hat einen ganz eigenen Weg eingeschlagen, um williges und fähiges Personal zu finden. An der einzigen belebt wirkenden Ampelkreuzung der Gemeinde und beim Blick auf eine gut sichtbare Fassade vom Firmensitz und Grundstück von Raik Gronau ziehen große Plakatwände die Augen des Betrachters auf sich. Zu diesen Zeiten mag man im ersten Moment denken: "Huch, welche Partei wirbt den da für sich?" Der Gedanke kommt sicher auf, da sonst fast ausschließlich politische Parteien die Unverfrorenheit besitzen auch in ländlichen Regionen so massiv (im Sinne von großflächig direkt an der Straße, nicht die herkömmlichen Werbeträger nutzend) zu werben. In der Stadt ist das Ansinnen ja klar: Sich in der Werbeflut durchsetzen wollen, aber auf dem Lande ... ziemlich fragwürdige Strategie.

ABER NEIN, keine Partei, nix da großes Politikum in kleinem Dorfe, sondern ein Handwerksbetrieb, der mit gerade verurteilter Größe der Werbeflächen nicht etwa direkt seinen Umsatz vergrößern, seine Kundenkartei erweitern oder seine Auftragsbücher noch üppiger füllen möchte, sondern schlicht und einfach gutes Personal sucht, um die ohnehin propper gefüllten Bücher abarbeiten zu können. 

"WANTED" titeln die Plakate ganz massiv, wie man sonst nur den Schlüssel, die Brieftasche, den Sinn des Lebens oder die Lebenspartnerin 'wanted' - naja, vielleicht in anderer Reihenfolge. Aber, dass sowohl Angestellte des Zimmerer-/Dachdeckerhandwerks, als auch Auszubildende in derselben Richtung ge-wanted werden, bin ich in diesem Stil nicht gewöhnt. Scheinbar kommt der als schleichend angekündigte, sich angeblich über Jahrzehnte hinziehende Prozess des demographischen Wandels nun schneller und überrumpelnder, als zunächst angenommen.

Auf diesen Bildern kann man sich einen Eindruck von den beschriebenen Werbe- bzw. Wanted-Flächen am Firmensitz machen. Ich finde, dass es sich hier um ein gelungenes Machwerk handelt. Unternehmensname/Logo/Signet auffällig inszeniert und dem untergeordnet, das aktuelle Anliegen des Unternehmers - seine Suche nach kompetenten Mitarbeitern. 

WANTED-Plakate am Firmensitz.

Wanted-Plakate am Bretterzaun und Fassade im Corporate Design.
(Wenn sich das umdreht, haben wir wahrscheinlich den Zenit des demographischen Wandels erreicht.)

Das "Wanted-Geschehen" an Grünheide's mit Abstand belebtester Ampelkreuzung stellt sich wie folgt dar: Auf einer der Seniorenresidenz vorgelagerten Freifläche halten zwei kleine KfZ-Anhänger als Werbeträger her, stützen also je ein WANTED-Plakat. 

DEAD OR ALIVE: Direkt an der Ampelkreuzung:
Vier Straßen, vier Rotphasen - clever gemacht, Herr Gronau!

Großes Lob an den Ideengeber - kommt zumindest bei mir sehr gut an!

Was nehmen wir mit? Nein, wir nehmen nicht die PKW-Anhänger mit und pflastern unsere Werbebotschaft über die von Raik Gronau! Es muss scheinbar nicht immer der qualitativ hochwertigste und viel versprechendste Stellenmarkt oder der pompöse Messestand sein - manchmal tut's auch die gute Idee bzw. die sympathische und authentische Botschaft.

Mal abgesehen davon, dass Fahrzeuganhänger bereits als Werbefläche etabliert sind, halte ich diese Mischung (Werbeziel: Personalzuwachs, Fläche: Anhänger und Aufbau für Plakat, Ort: zentral gelegenes Grundstück einer Seniorenresidenz) durchaus für eine Form des Guerilla-Marketing.

Jay C. Levinson etablierte das Guerilla-Marketing in den 80er Jahren in den USA. Dieser Ansatz eignet sich für kleine und mittlere Betriebe insbesondere wegen seines Hauptmerkmals: Es ist kostengünstig und geschieht meist an ungewöhnlichen Orten, auf nicht als Werbemittel etablierten Flächen oder zeigt sich als überraschendes Ereignis. Eine genaue Definition ist oft schwierig. Daher hier noch ein paar Beispiele:

Guerilla-Aktion mit (Saug-) Wirkung.
Das Weiß spricht für das Reinigungspersonal.
Flugblätter mit Abreiß-Zetteln können auch Guerilla sein.

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