17.02.2014

Nochmal zu ADHS und dem Unsinn wettbewerbsreifer Ritalin-Verabreichungsprogramme


Ganz so einfach, wie letztens hier so schön spöttisch angemerkt, sei es dann wohl doch nicht ... mit Leon Eisenberg, dem Eingeständnis, dass seine ADHS- und Autismus-Forschungen weniger wert seinen, als zunächst angenommen und somit einem sehr späten Distanzieren von ADHS als Krankheitsindikation. 

Sprechen wir also Leon Eisenberg nicht gleich jegliche Bedeutung im Rahmen der Bemühungen um das ADHS-Konstrukt ab - schließlich war er einer der ersten seiner Zeit, der es wagte ein langsames Lösen von der Freud'schen Psychoanalyse zu forcieren, indem er annahm (und dies auch öffentlich äußerte), dass psychische Probleme auch durch Einwirkung von außen, also der Umwelt, entstehen könnten. 

Diese These wirkte in den 50er Jahren neben dem ausgearbeiteten, psychoanalytischen Modell der Persönlichkeit eher absurd, dominierte doch die Psychoanalyse viele psychologischen Denkmodelle dieser Zeit. 

Eisenberg widmete sich der Forschung und Theoriebildung im Bereich ADHS und Autismus. Im Rahmen dieser Forschungen beschäftigte er sich auch mit der Wirksamkeit von Methylphendiat (Handelsname Ritalin/Medikinet etc.). 

Gerade der Bezug zu medizinischen Präparaten in der Forschung an dieser Patientengruppe brachte ihm zunächst den Titel "Vater/Erfinder von ADHS" sowie jüngst die bis ins Grab reichende Kritik ein, er hätte mit der Definition von Verhaltensmerkmalen, die ADHS näher charakterisieren, in übertriebenem Maße ein Krankheitsbild konstruiert, welches aus heutiger Sicht gar keine ernst zu nehmende pathologische Erscheinung sei.

Letztere Kritik fußt auf der natürlich enorm wachsenden Anzahl an Diagnosen im Rahmen der wissenschaftlichen Auseinandersetzung und der Publikation der Ergebnisse zu ADHS. Eisenbergs retrospektive Einschätzung, dass es sich zwar um Symptome von ADHS, jedoch nicht in jedem Fall um einen zu diagnostizierenden ADHS-Krankheitsfall gehandelt haben muss, ist ebenso wahrscheinlich wie nachvollziehbar. In diesen Fällen - so Eisenberg weiter - sei es bedauerlich, dass vorschnell auf medikamentöse Behandlung zurückgegriffen wurde - Das heutige Klischee (mit großem Wahrheitsgehalt) war geboren: Der Klassenclown habe ADHS und müsse mit der Verabreichung von Ritalin quasi wieder auf Kurs gebracht werden.

Erheblichen Einfluss auf die häufigere Feststellung psychologischer Probleme bei Kindern - weiß die Erziehungswissenschaft heute - hatte die Entwicklung der neuen und ziemlich befremdlichen sog. "antiautoritären Erziehungsphilosophie". Im Rahmen der Erziehungswissenschaft gut ausgearbeitet und durch pädagogische Ziele, Normen und Leitbilder durchaus determinierbar, wurde dieser neue Stil häufig mißverstanden und als 'laissez-faire-Erziehung' interpretiert. Nun war auch dieses Klischee (mit vermutlich weit weniger Wahrheitsgehalt) geboren: Familien, in denen Kinder angeblich nahezu regellos aufwuchsen (eigentlich nur älter wurden) und die fehlende Orientierung zunehmend zum Problem für das Kind (und später auch den Heranwachsenden) wurde. 

Es lag, so muss man heute wohl verstehen, an der Zeit (1970er Jahre), dass jede freie Wahlmöglichkeit und jeder Entscheidungsspielraum, welcher dem Kind gelassen wurde, als dieser diffuse 'antiautoritäre Stil' der Erziehung gesehen oder gar verurteilt wurde. Somit galten schnell viele Eltern bzw. Familien als 'antiautoritär', ohne überhaupt mehr als ein oder zwei Symptome dafür aufzuweisen.

Auf den Seiten des ADHS-Zentrums heisst es zusammenfassend unter Berufung auf ein Interview mit Leon Eisenberg: 

"Leon Eisenberg hat auf dieser Grundlage in einem Interview gesagt, das seine Erkenntnisse über ADHS überschätzt würden. Und bei vielen Kindern würde man heute ADHS sehen und schnell Medikamente geben. Man wäre besser zu den Familien nach hause gegangen, dort würde man die Ursache finden, warum die vielen Kinder eine falsche Diagnose bekommen hätten (...)" 
 und weiter heisst es:
"Trotzdem ist es gerade jener Vorwurf, der uns daran erinnert, genauer hinzusehen. Nicht einfach alles "hinnehmen" und sich immer wieder bewusst machen, dass man selbst vieles ändern kann. Und bei einigen ist eine medikamentöse Behandlung nötig, wenn ein echtes ADHS sicher diagnostiziert wurde."
Quelle: http://www.adhs-zentrum.de/Kritik/leon-eisenberg-erfinder-von-adhs.php